Kaninchenbau
- Maik Seitz

- 20. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Jan.
Dies ist die abgewandelte Fassung eines Briefes, geschrieben von mir im Frühjahr letzten Jahres und hätte eigentlich als ein Erklärungsversuch dienen sollen. Es wurde von meiner Seite aus kaum was beschönigt und nur umgeändert, wenn es um die betreffende Person ging. Sachlich gesehen steckte ich damals in einer tiefen Depression fest. Die Tage habe ich mal versucht darüber nachzudenken ob ich das auch für mich so wahrnahm das es Eine war. Aber ich kann diese Frage beim besten Willen nicht beantworten. Ich weiß es nicht. Weiß man immer wenn man Depressionen hat?
Heute, mit dem nötigen Abstand gesehen, weiß ich zwar das dies ein Teil meines Lebens bleiben wird aber nicht mehr mein Leben bestimmt und das ist auch gut so, denn gerade diese Phase war mal echt, (dafür bekomme ich jetzt kein Pulitzer Preis) Scheiße...
Sie spiegelt den Zeitraum Anfang letzten Jahres dar und endete kurz nach dem Tod von Emmachen, ich nannte Sie damals:
Mein Kaninchenbau,
Relativ Zeitnah, nach dem Tode von Alexandra keimte bei mir der Gedanke auf, dass es in meiner Verantwortung lag unsere Emma durchs Leben zu bringen. Dies war in der damaligen Phase mein einziger Sinn, ja ich kann sogar schreiben mein einziger Lebenssinn.
Meine erste Begegnung mit den Kaninchen. Ich habe es eine Zeitlang ein Rattenloch genannt aber das war es nicht, denn Ratten hätte ich sofort erkannt, ganz gewiss. Es waren Kaninchen, süße flauschige Tierchen, mit kleinen putzigen rosa Näschen. Vom Kaninchenbau an sich, sah man nur einen großen Eingang, alles sehr hell auf einer grünen Wiese mit blauen Himmel und großen Bäumen, also alles sehr idyllisch.
Ich ging da immer vorbei und die Karnickel lachten und sagten, „schau doch mal rein, Hey guck doch mal, bleibe doch stehen.“ Meistens aber ging ich wortlos vorbei, nur wenn es mir schlecht ging habe ich öfters mal davor angehalten und mir das Treiben der Tiere angeschaut.

In der Anfangszeit, die ersten Wochen nach dem Tod von Alex kam das sehr oft vor das ich ab und zu einmal in den Bau hineinschaute, die Kaninchen waren alle sehr nett zu mir, sehr freundlich, „Schau Dich ruhig um Maik,“ flüsterten Sie fast Liebevoll zu mir, „sieh was Wir hier für ein Schmerzfreies frohes und tolles Leben führen, Guck mal ein wenig tiefer, es kann Dir nichts passieren.“
Ich ging ein wenig tiefer und meistens hatte mir damals, in den Momenten eine Freundin geholfen. Als hätte Sie mich gerufen, meine Gedanken wurden wieder klarer, ich ging wieder aus dem Bau hinaus und die kleinen süßen Kaninchen verabschiedeten sich froh und Munter.

Eine Zeitlang habe ich nicht an putzigen Karnickel und an den Bau gedacht, ab und an wenn es nicht so gut lief und meine Verdrängung, die damals schon auf vollen Touren ächzte, überfordert war, schaute ich mal wieder auf der Wiese vorbei, Im Nachhinein glaube ich das ich mir damals nicht mehr der nötigen Wert geben konnte. Emma war in der Zeit Kerngesund und hat mir eine Menge Freude bereitet, Der Kaninchenbau war schon lange nicht mehr zu sehen, vereinzelte Karnickel vielleicht aber ansonsten ging es aufwärts.
Die Gespräche mit meiner Freundin haben mir damals sehr viel Stärke gegeben die ich für mich selber nicht aufbringen konnte. Was ich aber nicht sah, vielleicht damals nicht sehen konnte war, dass eben gerade diese Gespräche dafür Verantwortlich waren, Ihr diese Stärke zu nehmen.
Schlussendlich sorgte mein Traueregotrip dafür, das sich der Mensch der mir mit seiner Hilfe und mit seiner Stärke sich von mir Distanzierte. (Anmerkung, viel zu Spät und das Beste was Sie machen konnte, kein Groll nur Verständnis, wie könnte ich auch anders.)
Und dann gingen die Mechaniken los, ohne Halt, Schritt für Schritt in den Kaninchenbau, Erst waren Sie noch fröhlich und heiter, sangen lustige Lieder und zogen mich mit Ihren putzigen Pfoten immer tiefer in Ihren Bau, das Loch, also der Eingang war schon kaum noch zu sehen, meine Gedanken waren umnebelt von den Stimmen der Karnickel. „Hier ist es schön, kein Schmerz Maik, nichts. Nur Stille.“
Aber die Stimmen änderten sich mit der Zeit, wurden fordernder, rücksichtsloser, sprachen unentwegt, ungefragt dazwischen. Zum Schluss waren es kleine nebensächliche Sätze die mich tief trafen. Mich erschütterten.
Und auch die Kaninchen waren nicht mehr so hübsch anzusehen, waren magerer, dunkler, sangen auch keine fröhlichen Lieder mehr, „Kommst Du nun, Maik? Wir haben nicht ewig Zeit. Gib Gummi, Beeile Dich, Kein Schmerz.“ Ich war so tief in dem Bau das ich kaum noch Licht sah und dann, ja dann starb meine Emma.

Ich habe die Gefahr in dieser Situation nicht erkannt weil die Kaninchen ständig dazwischen redeten. Keine klaren Gedanken mehr möglich. Stück für Stück. Ohne es zu bemerken haben mich die Kaninchen damit immer tiefer in Ihren Bau gezogen, aus Ihnen wurden Monster, spitze reißerische Zähne die sich in meine Seele fraßen, „Du willst doch das es auf hört oder? Oder sollen Wir weiter machen?“
Sie bissen mir unentwegt in mein Fleisch, in meine Haut. Die Zähne waren bereits blutig, völlige Dunkelheit, rammten Ihre Hauer immer und immer wieder in meine Seele. Es wurden immer mehr, ich kroch durch ein dunkles nasses Loch, überall Wurzeln, kalte Erde, hinter mir, auf mir, diese Viecher. Rote Augen, fiese Lache. „DU WILLST DOCH DAS DIESER SCHMERZ AUFHÖRT MAIK, WIR HABEN DIE LÖSUNG. WIR TUN DIR WEH WENN DU NICHT TUST WAS WIR DIR SAGEN.“ Sie haben mich angeschrien. Gebissen, gekniffen mit Ihren scharfen Krallen Wunden gerissen.
Es gab noch einen Moment der Hoffnung. Als ich am Strand saß, wo ich die Asche von Emma zu Alexandra in die See verstreute, Oh, ich habe so auf ein Zeichen gewartet, so sehr gehofft, es so lange heraus gezögert. Selbst wenn nur der Wind geweht hätte dann hätte ich das als Zeichen genommen. Ein Seil was man mir entgegen warf, was mich aus diesen Bau heraus holte, Nichts, rein gar nichts. Es war keiner mehr da der mir Helfen konnte.

Und die Kaninchen? „ES GIBT NUR EINE LÖSUNG, BEENDE ENDLICH DEN SCHMERZ,“ Sie schrien, nur noch hässliche Fratzen die mich anschrien, bissen kratzen und dann kam es wie es kommen musste. Keine Kraft mehr mich dagegen zu wehren. Kraftlos, der Schmerz den mir, diese jetzt blutrünstigen Seelenfresser beigebracht haben war so immens groß das ich da nicht heraus kam.
Nachtrag: Für mich war es damals der Einsamste Moment ever. Ab hier endet es Abrupt und soll auch erst einmal so bleiben. Wie es weiter ging, was mich aus diesen finsteren Bau herausholte, füllt einen neuen Blogeintrag. Aber ich Spoiler einmal, ich war es der mich an dem Seil wieder heraus zog, es gab ja keinen Menschen damals der mir helfen konnte und dann entsann ich mich wohl auf mich, "Hey Maik, Du bist ja auch noch da..."
Tja, das war mein Kaninchenbau, ich kam dann doch wieder raus, eventuell mit ein wenig Glück, je nachdem wie man es sehen will, letztendlich hat mich das aber auch einige Monate gekostet um das aufzuarbeiten, um diese Zeit und um mich zu reflektieren und mündete dann mit einem neuen Kompass und einen neuen Blickwinkel zu meiner Reise im September. Übrigens, auch hier unter „zwischen Sinn und Sein“ im Blog vertreten.




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